Rapport

Einen Artikel über Rapport zu schreiben bedeutet immer auch, Pacing und Leading mit einzubeziehen. Um den Artikel nicht zu lang werden zu lassen, werde ich zwei Kapitel schreiben. Kapitel 1 beschäftigt sich mit Rapport, Kapitel 2 mit Pacing und Leading.

Fragt man Vertreter, Lehrende oder Coaches des NLP, was die wichtigste Grundlage für die Beziehung zwischen NLP-Anwender und Klient und für den erfolgreichen Einsatz seiner Methoden ist, so lautet die Antwort meist: „ein guter Rapport“. Mittlerweile ist die Bedeutung von Rapport auch in vielen anderen Coaching-Schulen und Therapieformen angekommen. Die Bedeutung einer guten Beziehung für den Erfolg von Veränderungsarbeit steht außer Frage. Nach einer Studie von M. Lambert aus dem Jahr 1999 hängen 30% des Therapieerfolgs von der Beziehung zwischen Therapeut und Klient ab.

Ich würde sogar noch weiter gehen. Der Rapport ist der Rahmen jeder Veränderungsarbeit. Ohne Rapport brauche ich gar nicht erst anzufangen. Auch wenn Veränderung ohne Rapport möglich ist, ist Rapport als notwendige Rahmenbedingung eine Frage der Haltung in der Begegnung mit Menschen. Das Ergebnis einer Begegnung mit und ohne Rapport ist sehr unterschiedlich.

Rapport

Rapport ist aber nicht nur für die NLP-Arbeit relevant. Er ist eine Grundvoraussetzung für gelingende Kommunikation. Für Kommunikation im Coaching, im Beruf oder im Alltag mit dem Nachbarn oder in der Familie. Es gibt auch Kommunikation ohne Rapport. Ich habe viel in konservativen, hierarchisch strukturierten Unternehmen gearbeitet. Dort wird über Autorität kommuniziert und nicht über Rapport. Es gibt Anweisungen und viele Vorgesetzte wundern sich, dass die Anweisungen nicht umgesetzt werden oder dass die Mitarbeiter bei Fragen nicht zum Chef kommen.

Rapport ist eine wechselseitige Beziehung

Rapport ist eine positive Beziehung zwischen Menschen. Der Satz klingt so einfach, aber in der mir bekannten NLP-Literatur wird nach dieser Feststellung nur noch davon gesprochen, dass „der Coach einen guten Rapport zum Klienten hat“. Aus der Wechselseitigkeit der Beziehung wird in der weiteren Betrachtung sehr schnell eine Einseitigkeit. Die Vorstellung ist oft geprägt von der Prozessverantwortung bzw. der dissoziierten Position des Coachs. Diese Sichtweise führt jedoch schnell zu Fehlschlüssen im Rapport und auch zu einseitigen Handlungen. Wenn Rapport eine wechselseitige Beziehung ist, dann müssen bei der Betrachtung von Rapport immer beide Seiten betrachtet werden.

Der Coach kann überprüfen, ob genügend Rapport zwischen ihm und dem Klienten besteht, indem er darauf achtet, ob seine eigene Art, sich zu bewegen, mit der des Klienten synchron ist, ob der Klient auf die Impulse des Coaches reagiert. Dies ist nicht nur auf der körperlichen Ebene möglich, sondern auch auf jeder anderen Verhaltensebene (Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke, …).

Was tut der Coach, wenn der Rapport fehlt oder gestört ist?

Zum einen kann der Coach durch bewusstes Pacing seines eigenen Verhaltens das Verhalten des Klienten beeinflussen: Körperhaltung, typische Bewegungen, Art der Atmung, Wortwahl, Stimmqualität etc.

Zum anderen kann der Therapeut gemeinsam mit dem Klienten klären, ob es zwischen ihnen noch offene Fragen gibt oder ob sie sich gegenseitig an jemanden erinnern (Übertragungen). Der ehrliche Austausch über das, was dabei ans Licht kommt, führt in den meisten Fällen dazu, dass Rapport spontan entsteht oder wiederhergestellt wird.

Die beste Basis für Rapport ist die Kompetenz des Coachs, die sich auf vielen Ebenen zeigt, einschließlich der Fähigkeit, Rapportstörungen offen anzusprechen.

Stellt der Coach fest, dass der Rapport tatsächlich verloren gegangen oder noch nicht hergestellt ist, helfen keine technischen Tricks. Hier hilft nur das, was den Rapportabbruch gleichzeitig zur Chance für den Coach macht.

Rapport ist kein permanenter Zustand

Außerdem wird Rapport immer als Zustand beschrieben. Das habe ich bisher auch getan. Das stimmt auch für einen Moment, für eine Weile. Aber Rapport ist kein stabiles Element wie ein Tisch. Rapport verändert sich ständig zwischen Coach und Klient. Mal stärker, mal schwächer. Rapport zwischen Klient und Coach muss immer wieder gepflegt, muss immer wieder genährt werden.

Rapport mit dem Klienten ist dann erreicht, wenn der Klient das Gefühl hat, verstanden zu werden und wenn er spürt, dass die Bedeutung und Komplexität seines persönlichen Erlebens wertgeschätzt wird.

Die Grundannahmen des NLP sind, wenn sie genutzt und angewendet werden, sehr hilfreich, um Rapport herzustellen. Die Einzigartigkeit des Klienten, die andere Landkarte, das Handeln in positiver Absicht und die vorhandenen Wahlmöglichkeiten bilden eine wunderbare Grundlage für Rapport. Die in vielen Fällen zunächst einseitig dem Klienten entgegengebrachte Wertschätzung bietet dann im fortlaufenden Prozess die Chance, dass auch die umgekehrte Wertschätzung des Klienten für den Coach möglich wird.

Das Wort Vertrauen in Verbindung mit Rapport ist schwierig. Vertrauen ist eine Erwartung des Klienten an den Coach. Der Klient erwartet, vielleicht durch Rapport, dass er vom Coach nicht enttäuscht wird, dass der Raum sicher ist.

Vertrauen kann durch Rapport entstehen, sollte aber nicht mit Rapport verwechselt werden.

Rapport zwischen NLPlern

Nun könnte man meinen, dass die Kommunikation zwischen NLPlern durch Rapport und damit immer auch durch gegenseitige Wertschätzung geprägt ist. Weit gefehlt, auch wir NLP’ler verfallen immer wieder in unproduktive Kommunikation. Meist dann, wenn bestimmte Werte o.ä. verletzt werden und die subjektive, ich-bezogene positive Absicht das Wissen und die Fähigkeiten zur erfolgreichen Kommunikation vergessen lässt. Wenn Kommunikation also nicht gelingt – Rapport überprüfen, Grundannahmen des NLP in Erinnerung rufen. Aber auch hier werden die Grenzen der Kommunikation erfahrbar. Es ist nicht möglich, mit allen Menschen Rapport herzustellen. Wenn das Gegenüber es nicht will (besser: nicht kann), wird es nicht oder nur eingeschränkt funktionieren.

Was im NLP auch nicht gelehrt wird, sind die Kontaktunterbrechungen nach Fritz Pearls, also das Verhalten des Gegenübers den Kontakt (Rapport) zu beenden. Das lehren wir in der Coachausbildung und dazu wird es sicher noch einen eigenen Blogbeitrag geben. Wenn diese Kontaktunterbrechungen stattfinden, kann Rapport nicht mehr aufgebaut werden. Zuerst muss der Kontaktabbruch aufgelöst werden.

Literaturempfehlungen:

Der große Zauberlehrling von Alexa Mohl

Emotion und Beziehung – Diskussion und Praxis der NLPt – hier der Artikel von Dr. R. Weerth

Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht – Irvin D. Yalom

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